Manuel Schölles

​„Die Zunge beherrsche vor allem anderen, den Göttern folgend!“ (Pythagoras)

Die Inversion

Unter einer Inversion verstehen wir landläufig die Umkehrung des Satzschemas Subjekt-Prädikat-Objekt. Weil dieses Schema von der deutschen Grammatik nicht so festgeschrieben ist wie etwa im Englischen, haben wir es eigentlich, genauer besehen, nicht mit einer Umkehrung, sondern vielmehr mit einer Verteilung zu tun, nämlich einer ziemlich freien Verteilung der Satzteile auf den Satz, sodass also in den meisten Fällen gar kein Verstoß gegen die Grammatik besteht.

Das Wort „Inversion“ ist gleichwohl nicht völlig unangemessen, und zwar vor allem dann, wenn wir seinen Sinn mehr auf die logische als die grammatische Struktur des Satzes beziehen. Denn bei der Umstellung des Schemas Subjekt-Prädikat-Objekt gerät die Wortstellung in einen gewissen Widerstreit mit dem logischen Gefüge der Aussage:

Ich bin vielleicht nur zu dumm dafür.
Zu dumm bin ich vielleicht nur dafür.

Das Subjekt des Satzes („ich“) spricht sich in diesem Beispiel die Dummheit zu, das Subjekt ist also gewissermaßen ein Erstes und Zugrundeliegendes, das dann mit einer Eigenschaft („Dummheit“) verknüpft wird. Rückt das Subjekt aber, wie in der invertierten Fassung, ans Ende des Satzes, wird jene logische Ordnung auf grammatischer Ebene konterkariert. Wer das Wesen der Sprache nun in solchen logischen Strukturen erkennt, dem muss die Inversion tatsächlich als Abweichung von einer reinen, allein der Richtigkeit verpflichteten Sprache erscheinen. Wir können jedenfalls feststellen, dass die Bedeutung des ersten Satzes von der des zweiten wesentlich verschieden ist: Während im ersten Satz die Dummheit des Ich-Sprechers betont wird, scheint in der invertierten Form ein bestimmtes Wissen oder eine bestimmte Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken, worauf am Ende das Wort „dafür“ verweist. In der Ursprungsfassung ist der Sprecher zunächst dumm, und darüber hinaus auch noch zu dumm für irgendetwas, das in unserem Beispiel nicht ausdrücklich genannt wird („dafür“). Die Inversion legt uns hingegen nahe, dass der Sprecher nicht unbedingt und in jeder Hinsicht ein Dummer ist, ganz im Gegenteil, aber bei dieser einen hier vorliegenden Angelegenheit einfach nicht mehr weiter weiß. – Sehen wir uns ein weiteres Beispiel an:

Sie mißbrauchen die Einbildungen eines überzarten Frauengewissens.
Inversion: Die Einbildungen eines überzarten Frauengewissens mißbrauchen sie.

Da Subjekt und Akkusativobjekt hier nicht eindeutig zu scheiden sind, macht die Umkehrung eine spannungsvolle Zweideutigkeit sichtbar: Es ist leicht zu verstehen, dass die „Einbildungen“ sowohl Agenten als auch Opfer des Missbrauchs sein können. Vielleicht zeichnen sie sich ja gerade dadurch aus, dass wir, wenn wir das eine sagen, immer auch das andere mitdenken; eine klassische Verschränkung des genitivus subiectivus und obiectivus – Nun aber zu unserem letzten Beispiel:

Sie sollten nicht Liebe sagen, solange Sie Zorn, Schmutz und Böses mitfühlen müssen!
Inversion A: Nicht Liebe sollten Sie sagen, solange Sie Zorn, Schmutz und Böses mitfühlen müssen!
Inversion B: Solange Sie Zorn, Schmutz und Böses mitfühlen müssen, sollten Sie nicht sagen Liebe!

Die letzte Fassung (B) sprengt fast den gewohnten Klang deutscher Prosa und verweist auf die Möglichkeit der Sprache Dichtung oder Gesang zu werden. In diesem Beispiel geht es nämlich nicht nur um bloße Ambiguitäten oder Bedeutungsverschiebungen, sondern in erster Linie um das stimmungsmäßige Moment des Sprechens selbst, das durch Rhythmus und Melodie das zu Sagende nicht minder als Logik und Grammatik zum Vorschein kommen lässt.

Steht das Sinnwort („Liebe“) wie in A im Vorfeld des Satzes, trägt ihn eine gefühlvolle Emphase, die ohne ein bestimmtes Verhältnis zur Liebe falsch und unangemessen wäre. Liebe wird in A also nicht einfach nur in einen Gegensatz zu Zorn, Schmutz und Bösem gesetzt, sondern vom Sprecher nachgerade in ihrer lebendigen Anwesenheit empfunden. Auf logischer Ebene sagt der Satz dasselbe wie die Ursprungsversion, die Stimmung aber, die ihm allererst Kraft und Relevanz verleiht, ist jetzt die Liebe selbst.

Der gnomische Charakter der Ausgangsform ist in B nun überhaupt nicht mehr zu erkennen. Hier wird die allergrößte Spannung aufgebaut, die gleichzeitig mit dem Verklingen des Sinnwortes schmerzvoll untergehen muss. B ist ein Ruf, ein Gebet, eine Beschwörung der Liebe. Stärker als in den anderen Fassungen entfaltet sie ihre Macht gerade dadurch, dass sie abwesend ist. In der Stimmung von Inversion B ist das Begehren am sichtbarsten, und zugleich der Schmerz, weil sich dieses Begehren auf etwas bezieht, das der Zorn, der Schmutz und das Böse in weitester Ferne zu halten scheinen. Eine solch übermäßige Spannung kann nur das Gedicht aushalten; Prosasätze, die ihren Halt weniger aus dem Musikalischen schöpfen können, werden von ihr nahezu zerrissen.

(Alle Beispiele der Normalformen in diesem Beitrag sind Robert Musils Theaterstück Die Schwärmer entnommen.)

Rahmen und Rhythmus

Dem Deutschen eignet die Besonderheit, dass viele Sätze wie Rahmen oder Klammern strukturiert sind. (Vgl. L. Reiners, Stilkunst, München 2004, S. 79–81). Dies wird meist durch die Aufspaltung des Prädikats erzwungen:

Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende, der nur im Vollzug da ist und durch dieses Geschehen das Ursprüngliche im Dasein des Menschen zur Erscheinung bringt, gefeiert.

Das Prädikat des Hauptsatzes „wird gefeiert“ bildet in diesem Beispiel den Rahmen des Satzes, der dadurch seltsam holprig-stockend und nachgerade unfertig wirkt. Der Zielpol (Ernst Drach), mit dem der Gedanke abgeschlossen und zu einer Sinneinheit verwoben wird, scheint zu schwach zu sein, um als echte Grenze und Vollendung der zum Ausdruck kommenden Idee zu genügen.

Ein gelungener Rahmenbau stellt mittels der Spaltung des Verbs eine spannungsvolle Gliederung des Gedankens her, die jedoch ohne einen bestimmten Rhythmus wieder auseinander fällt. Da wir Prosatexten kein strenges Metrum auferlegen können, ist dieser Rhythmus nicht leicht zu bestimmen. Sehen wir also zunächst, wie das Problem dem Höreindruck gemäß bewältigt werden kann. Um das Holpern zwischen dem Abschluss des Relativsatzes „bringt“ und dem Zielpol „gefeiert“ zu beseitigen, stehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten zur Verfügung:

  1. Das Verringern oder Lösen der Spannung, indem der zweite Teil des Verbs näher an den ersten gerückt wird.
  2. Die Stärkung des Zielpols durch adverbiale Zusätze.

Ad 1: Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende gefeiert, der …
Ad. 2: Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende, der …, hoffnungsfroh und mit eindrücklichen Worten gefeiert.

Die zweite Möglichkeit birgt offensichtliche Gefahren: Der Versuchung, leere Füllwörter einzufügen, die den ursprünglich gefassten Gedanken stören könnten, wird allzu leicht nachgegeben. Der erste Fall hingegen stellt eine zufriedenstellende Lösung dar, allerdings zugunsten einer geringeren Binnenspannung des Satzes, sodass die Geltung des Relativsatzes größer wird und den Satz in ein Ungleichgewicht zu bringen droht. Es ist auch nicht auszuschließen, mit der Lösung der Spannung sachliche Abstriche zu riskieren, da die Feier nicht mehr am Ende steht und mithin an Bedeutung verliert.

Diesen eher äußerlichen Versuchen, den Rhythmus unseres Beispielsatzes zu korrigieren, möchte ich noch eine andere Möglichkeit entgegenstellen, indem wir genauer auf die Sache hören. Nehmen wir an, der Autor des Satzes möchte einerseits die dichterische Preisung der Epiphanie Apollons durch den hellenistischen Dichter und andererseits den näheren Charakter dieser Epiphanie von Seiten des Gottes, die sich ereignishaft im Bezug auf das Wesen des Menschen vollzieht, zum Ausdruck bringen und die beiden Gedanken entsprechend vereinen. Das Verhältnis zwischen der Handlung des Menschen (Kallimachos) und der Handlung des Gottes muss sonach als Grundverhältnis sich wechselseitig bedingender Relata verstanden werden.

Dieses Wechselverhältnis wird aber von der hypotaktischen Struktur des Satzes, einer Relativkonstruktion, konterkariert. Der Rahmenbau erweckt den Eindruck einer Unterordnung bei sachlicher Gleichordnung. Der Relativsatz ist in gewisser Weise nicht leitfähig, weil die in ihm zum Ausdruck kommende Idee so schwerwiegend ist, dass die Dominanz des rahmenbildenden Hauptsatzes der inneren Bezüge des Sachverhaltes nicht gerecht werden kann. Versuchen wir also auf Grundlage dieser Erörterung eine bessere Version:

Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende gefeiert; das Göttliche als Ereignis, das nur im Vollzug da ist und durch dieses Geschehen das Ursprüngliche im Dasein des Menschen zur Erscheinung bringt.

Ob die Analyse des Inhalts korrekt und der Lösungsvorschlag geglückt ist, sei dahingestellt. Entscheidend ist vielmehr, dass dieses Beispiel deutlich macht, wie rhythmische Unstimmigkeiten, die beim Rahmenbau zuweilen entstehen, nicht nur durch äußerliches Abmessen des Satzes, sondern auch (und vor allem) durch ein erörterndes Verweilen bei der darzustellenden Sache geheilt werden können.

Dass der Rhythmus der Sprache, d. h. ihre gegliederte Zeit-Fülle, sich von der Sache her ergibt, dürfte Dichtern keine neue Entdeckung sein. Im Gegenteil, dichterische Texte scheinen dieses Verhältnis sogar eigens zu sagen und auffällig zu machen. Aber nicht nur für die Dichter gilt es beim Denken, Sprechen und Schreiben zu beachten, dass schon die Sache selbst von sich her rhythmisch verfasst ist.

(Ich habe mich für das Textbeispiel von Hannelore Rausch, Theoria, München 1982 inspirieren lassen. Dort heißt es auf S. 77: »Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende gefeiert. Das Göttliche als Ereignis […]«)

Zwei Arten der Sprache

Am Anfang von Rhetorik und Stillehre steht die Verständigung über das Verhältnis von Wort und Sache, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Wir setzen voraus, dass Stil immer etwas mit dem Bezug der Worte auf die Sache zu tun hat. Ohne diesen Bezug gäbe es, genau genommen, gar keine Stilfragen, weil den Worten jeglicher Anhalt entzogen wäre.

  2. Je nachdem, wie das Verhältnis von Wort und Sache gefasst wird, ist ein anderes Sprachverständnis vorauszusetzen. Und dass ein anderes Sprachverständnis auch mit einer anderen Stillehre einhergeht, versteht sich von selbst.

Heideggers Vortrag Überlieferte Sprache und technische Sprache aus dem Jahre 1962 dient uns nun als Sprungbrett, die Frage nach dem Verhältnis von Wort und Sache zu entfalten

Technische Sprache

Wie der Titel des Vortrags nahelegt, werden zwei Arten der Sprache gegenüber, oder zumindest: nebeneinander gestellt. Aus dem heute geläufigen Verständnis von Sprache entwickelt Heidegger zunächst den Begriff der technischen Sprache. Die technische Sprache ist sozusagen die äußerste Steigerung dessen, was Heidegger zufolge die „gängige Vorstellung“ von Sprache ist:

„Sprechen ist: 1. eine Fähigkeit, Tätigkeit und Leistung des Menschen.
Es ist: 2. die Betätigung der Werkzeuge der Verlautbarung und des Gehörs.
Sprechen ist: 3. Ausdruck und Mitteilung der von Gedanken geleiteten Gemütsbewegungen im Dienste der Verständigung.
Sprechen ist: 4. ein Vorstellen und Darstellen des Wirklichen und Unwirklichen.“ (S. 21)

Von diesen anthropologisch-instrumentalen Bestimmungen der Sprache ist der Weg nicht weit, die Sprache im Zuge des immer mächtiger werdenden Anspruches der modernen Technik nur noch als Information zu verstehen. Die Sprache als Information, das heißt als „Mittel der Mitteilung und Benachrichtigung« (S. 24), fordert „Eindeutigkeit der Zeichen und der Zeichenfolge“ (S. 25) und mithin eine spezifische Weise des Sprechens, also einen spezifisch technischen Stil, der sich am logischen Kalkül und an der Mathematik orientiert.

Überlieferte Sprache

Anders dasjenige, was Heidegger in seinem Vortrag als überlieferte Sprache bezeichnet: Wenn im Sprechen nicht nur Zeichen gegeben und Informationen übermittelt werden, sondern „gleichsam im Rücken aller technischen Umformung des Sprachwesens“ (S. 27) es beim Sprechen ursprünglich darum geht, etwas zum Scheinen zu bringen, was zuvor noch nicht erschienen ist, dann gehört zur Sprache eine Dimension, die wir mit gutem Recht die dichterische Dimension der Sprache nennen können. Nicht mehr die Form der Sprache zum Zwecke größtmöglicher Eindeutigkeit ist das Bestimmende, vielmehr der Bezug des Sprechenden auf die Sache, welche er sprechend allererst und immer anfänglich hervorbringen möchte. Die Weise solchen Sprechens kann sich dann nicht mehr nach Regeln und Konventionen richten, da ein solcher Stil immer wieder von Neuem aus dem Bezug auf die auszusprechende Sache sein Maß, das heißt seine Angemessenheit, empfängt.

Regelgrammatik und Angemessenheit

Was folgt daraus für unsere Gedanken über Rhetorik und Stil? Gesetzt, dass die anthropologisch-instrumentale Bestimmung der Sprache, die im Zeitalter der Kybernetik und Informatik schließlich zur Information geworden ist, nicht nur ärmer als die dichterische Bestimmung der Sprache ist, sondern in dieser sogar gründet, können Regelgrammatiken und konventionelle Stilkunden für uns keine Wegweiser mehr sein. Über Richtigkeit und Falschheit entscheidet nun ausschließlich die Angemessenheit – und es sei an dieser Stelle hinzugefügt: In den meisten Fällen alltäglichen Sprechens ist es eben angemessen, den Duden weiterhin als Autorität anzuerkennen. Entscheidend ist nur, dass Angemessenheit im höchsten Sinne heißt: dem Sachbezug zu entsprechen. Über diesen gilt es also weiter nachzudenken, um aus ihm heraus einen gültigen Maßstab guten und schönen Stils zu entfalten.

Heilige Rede

Büste des Philosophen Pythagoras von Samos in den Kapitolinischen Museen.

Foto: Galilea (CC BY-SA 3.0)

„Die Zunge beherrsche vor allem anderen, den Göttern folgend!« (DK 58 C 6) heißt ein Spruch der Pythagoreer. Platon hat später dieses Gebot in eine Kritik der Schrift verwandelt. Die wesentlichen und ernsten Dinge dürften nur der geeigneten Seele – und das heißt: nur mündlich – eingepflanzt werden, während sie über die literarische Konservierung, die daher nur als ein Spiel (παιδιά) zu verstehen sei, ziellos zerstreut würden. (Vgl. Szlezák, Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie, 1985)

Weisen philosophischer Esoterik finden sich bis heute, etwa bei Heidegger und der von ihm erwogenen Möglichkeit eines parallelgeschichtlichen Seitenwegs. Nur den Seltensten, den wahren Dichtern und Denkern, sei dieser zugänglich. Ihnen ist zweifelsohne eine Art von Geheimwissen zu eigen, dessen öffentliche Verbreitung, weil (oder obwohl?) es allenthalben missverstanden werden könnte, eine Verunheiligung der Sache bedeutete. Diese ist der Kern jeder philosophischen Esoterik. Denn ginge es nur um Macht und Ausschluss wäre das der Philosophie ganz und gar unwürdig.

Andere Sorgen bekümmern die Avantgarde der Open Access Philosophy: Gerade die Philosophen seien zu einem freien Zugang zu ihren Erkenntnissen verpflichtet, der keinen künstlichen Grenzen unterworfen sein dürfe. Dass die Open-Access-Bewegung weniger die esoterischen Lesekreise als die Gebührenschranken der Zeitschriftenportale an den Pranger stellt, verweist auch darauf, dass die Möglichkeit totaler Disponibilität philosophischer Erzeugnisse als Freiheit für den Autor von Bedeutung ist. Der Arme ist ja gezwungen, meist unbestellt und am Abgrund staatlicher Fürsorge, auf seine Reputation zu schielen und, um sich und sein Werk bekannt zu machen, in bestimmten Zeitschriften zu publizieren. Die Bereitstellung von Aufsätzen auf der eigenen Homepage hingegen setzt den Autor in der durchschnittlichen Wahrnehmung seiner Kollegen dem unauslöschlichen Ruch gescheiterter Existenz aus. Die Zugriffsbeschränkung durch kuratierende Einrichtungen soll nämlich die Standards wissenschaftlichen Arbeitens gewährleisten und dessen Evaluierung erleichtern.

Hier berühren sich Esoterik und Open Philosophy: Beiden geht es um die Befreiung von Zwängen, die der Sache der Philosophie nur äußerlich sind. Beide suchen das Gespräch jenseits von Verwertungsmechanismen und betrieblichen Strukturen. Beiden sind die gegebenen wissenschaftlichen Standards zweifelhaft, soll doch die Sache selbst entscheiden (und das freie Gespräch über sie), was ‚Standard‘ sein darf und was nicht. Die Skepsis schießt jedoch über das Ziel hinaus, wenn der Wert kuratierter Inhalte gar nicht mehr gewürdigt würde. Im Gegenteil, gerade das Internet scheint eine positive Neubewertung von Redakteuren, Herausgebern und Verlagen notwendig zu machen. Wenn es aber darum geht, herrschende Selektionskriterien zu hinterfragen, ist die Skepsis am richtigen Ort. Nicht alle dienen der Wahrheit.

Das Grundprinzip esoterischer Philosophie ist die Freundschaft. Letztlich entscheidet sie über Weihe und Verstoßung. Der ἱερὸς λόγος, die heilige Rede, wird nur denen unverschlüsselt mitgeteilt, die das tiefste Vertrauen der Gruppe verdienen. Wir können fragen: Verabsäumt nicht der fromme Diener der Wahrheit, der im Dunkeln verschanzt nur zu Gott und dem lieben Freund das Wort zu richten wagt, die spielerische Seite der Philosophie, die nach Platon im Schreiben und Veröffentlichen besteht? Vielleicht klingt diese Frage läppisch, wenn wir auf He„ideggers Worte zur Öffentlichkeit in Sein und Zeit hören:

„Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.“ (Sein und Zeit, 17. Aufl., Tübingen 1993. S. 127.)

Bei Platon wiederum ist es die Gefahr des Missverständnisses, die umso größer erscheint, je inniger die Erfahrung mit der Sache ist. Wer kennt nicht den Schmerz, wenn eine Entdeckung, die mir heilig ist, von einem anderen missachtet wird? Als würde durch den Frevel des schlechten Freundes die Sache selbst zuschanden gemacht.

Außerhalb eines gemeinsamen Erfahrungshorizonts ist die Mitteilbarkeit begrenzt. Nicht einmal die Zurichtung der Rezipienten auf dieselben intellektuellen Voraussetzungen kann diesen Mangel beheben. Erfahrung ist nicht in‑formierbar. Beim Überschreiten dieser Grenze wird der Ernst zum Spiel, ein Logos besonderer Art, welcher den anderen allererst dahin geleiten will, eine gleichwesentliche Erfahrung zu machen. Heidegger nennt dies „formale Anzeige“ und wurde dafür von allen Seiten verdächtigt, bewusste und unbewusste Unzulänglichkeiten seines Denkens zu verschleiern.

„Ein gar herrliches Spiel, Sokrates, nennst du neben den geringeren Spielen: das Spiel dessen, der von der Gerechtigkeit, und was du sonst erwähntest, dichtend mit Reden zu spielen weiß.“ (Platon, Phaidros 276e)

Gleichwohl scheint diese Haltung nicht zwingend zu sein: Denn was schert mich das Unverständnis der anderen, wenn ich im Besitz einer wesentlichen Erkenntnis bin? Bliebe die Sache selbst, die mir heilig ist, nicht unberührt, auch wenn sie im Feuilleton oder in der Talkshow ungebührlicher Behandlung preisgegeben wäre. Ist nicht in Wahrheit Narkissos der gedemütigte: der tyrannische, von der Öffentlichkeit enteignete Priester der Wahrheit? Oder gibt es doch einen innigeren Zusammenhang zwischen der Sache und dem Sprechen der vielen über sie?

Die Größe eines Philosophen zeigt sich dann, wenn er das Lachen der thrakischen Magd mit Fassung, ohne Hochmut, zu ertragen vermag. Darüber sollte er nicht vergessen, dass die freie Rede wenig nützt, wenn sie unverstanden bleibt. Philosophische Mitteilung hat viele Tücken. Als goldener Weg bietet sich das kluge Changieren zwischen Ernst und Spiel an, ohne aber – und das ist entscheidend – von der Pflicht des Begründens zu entbinden. Dies allein ist die heilige Rede der Philosophie: λόγον διδόναι.

Homer lesen

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Homer oder Die Geburt der abendländischen Dichtung lautet der Titel des neuen Buches von Thomas A. Szlezák. Ich empfehle den kenntnisreichen Band, der auch für Homer-Anfänger geeignet ist, als Gegengift gegen das verbreitete (meist unbewusste) Vorurteil, genaues, philologisch geschultes Lesen führte zu langweiligen Interpretationen. Zum Gegengift gehört, Ilias und Odyssee als inkommensurable Kunstwerke höchsten Ranges, als einen Anfang, auszuweisen und bei aller Gelehrtheit nicht in Relativismen aufzulösen.