Unter einer Inversion verstehen wir landläufig die Umkehrung des Satzschemas Subjekt-Prädikat-Objekt. Weil dieses Schema von der deutschen Grammatik nicht so festgeschrieben ist wie etwa im Englischen, haben wir es eigentlich, genauer besehen, nicht mit einer Umkehrung, sondern vielmehr mit einer Verteilung zu tun, nämlich einer ziemlich freien Verteilung der Satzteile auf den Satz, sodass also in den meisten Fällen gar kein Verstoß gegen die Grammatik besteht.
Das Wort „Inversion“ ist gleichwohl nicht völlig unangemessen, und zwar vor allem dann, wenn wir seinen Sinn mehr auf die logische als die grammatische Struktur des Satzes beziehen. Denn bei der Umstellung des Schemas Subjekt-Prädikat-Objekt gerät die Wortstellung in einen gewissen Widerstreit mit dem logischen Gefüge der Aussage:
Ich bin vielleicht nur zu dumm dafür.
Zu dumm bin ich vielleicht nur dafür.
Das Subjekt des Satzes („ich“) spricht sich in diesem Beispiel die Dummheit zu, das Subjekt ist also gewissermaßen ein Erstes und Zugrundeliegendes, das dann mit einer Eigenschaft („Dummheit“) verknüpft wird. Rückt das Subjekt aber, wie in der invertierten Fassung, ans Ende des Satzes, wird jene logische Ordnung auf grammatischer Ebene konterkariert. Wer das Wesen der Sprache nun in solchen logischen Strukturen erkennt, dem muss die Inversion tatsächlich als Abweichung von einer reinen, allein der Richtigkeit verpflichteten Sprache erscheinen. Wir können jedenfalls feststellen, dass die Bedeutung des ersten Satzes von der des zweiten wesentlich verschieden ist: Während im ersten Satz die Dummheit des Ich-Sprechers betont wird, scheint in der invertierten Form ein bestimmtes Wissen oder eine bestimmte Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken, worauf am Ende das Wort „dafür“ verweist. In der Ursprungsfassung ist der Sprecher zunächst dumm, und darüber hinaus auch noch zu dumm für irgendetwas, das in unserem Beispiel nicht ausdrücklich genannt wird („dafür“). Die Inversion legt uns hingegen nahe, dass der Sprecher nicht unbedingt und in jeder Hinsicht ein Dummer ist, ganz im Gegenteil, aber bei dieser einen hier vorliegenden Angelegenheit einfach nicht mehr weiter weiß. – Sehen wir uns ein weiteres Beispiel an:
Sie mißbrauchen die Einbildungen eines überzarten Frauengewissens.
Inversion: Die Einbildungen eines überzarten Frauengewissens mißbrauchen sie.
Da Subjekt und Akkusativobjekt hier nicht eindeutig zu scheiden sind, macht die Umkehrung eine spannungsvolle Zweideutigkeit sichtbar: Es ist leicht zu verstehen, dass die „Einbildungen“ sowohl Agenten als auch Opfer des Missbrauchs sein können. Vielleicht zeichnen sie sich ja gerade dadurch aus, dass wir, wenn wir das eine sagen, immer auch das andere mitdenken; eine klassische Verschränkung des genitivus subiectivus und obiectivus – Nun aber zu unserem letzten Beispiel:
Sie sollten nicht Liebe sagen, solange Sie Zorn, Schmutz und Böses mitfühlen müssen!
Inversion A: Nicht Liebe sollten Sie sagen, solange Sie Zorn, Schmutz und Böses mitfühlen müssen!
Inversion B: Solange Sie Zorn, Schmutz und Böses mitfühlen müssen, sollten Sie nicht sagen Liebe!
Die letzte Fassung (B) sprengt fast den gewohnten Klang deutscher Prosa und verweist auf die Möglichkeit der Sprache Dichtung oder Gesang zu werden. In diesem Beispiel geht es nämlich nicht nur um bloße Ambiguitäten oder Bedeutungsverschiebungen, sondern in erster Linie um das stimmungsmäßige Moment des Sprechens selbst, das durch Rhythmus und Melodie das zu Sagende nicht minder als Logik und Grammatik zum Vorschein kommen lässt.
Steht das Sinnwort („Liebe“) wie in A im Vorfeld des Satzes, trägt ihn eine gefühlvolle Emphase, die ohne ein bestimmtes Verhältnis zur Liebe falsch und unangemessen wäre. Liebe wird in A also nicht einfach nur in einen Gegensatz zu Zorn, Schmutz und Bösem gesetzt, sondern vom Sprecher nachgerade in ihrer lebendigen Anwesenheit empfunden. Auf logischer Ebene sagt der Satz dasselbe wie die Ursprungsversion, die Stimmung aber, die ihm allererst Kraft und Relevanz verleiht, ist jetzt die Liebe selbst.
Der gnomische Charakter der Ausgangsform ist in B nun überhaupt nicht mehr zu erkennen. Hier wird die allergrößte Spannung aufgebaut, die gleichzeitig mit dem Verklingen des Sinnwortes schmerzvoll untergehen muss. B ist ein Ruf, ein Gebet, eine Beschwörung der Liebe. Stärker als in den anderen Fassungen entfaltet sie ihre Macht gerade dadurch, dass sie abwesend ist. In der Stimmung von Inversion B ist das Begehren am sichtbarsten, und zugleich der Schmerz, weil sich dieses Begehren auf etwas bezieht, das der Zorn, der Schmutz und das Böse in weitester Ferne zu halten scheinen. Eine solch übermäßige Spannung kann nur das Gedicht aushalten; Prosasätze, die ihren Halt weniger aus dem Musikalischen schöpfen können, werden von ihr nahezu zerrissen.
(Alle Beispiele der Normalformen in diesem Beitrag sind Robert Musils Theaterstück Die Schwärmer entnommen.)